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Anders als gedacht.

Autorenbild: Corina Zahner
Corina Zahner
4. Okt.
6 Min. Lesezeit

Drei Jahre ist es nun her. Und vielleicht denken sich jetzt einige: Ach, jetzt kommt sie schon wieder mit dem.


Mit der MS.

Mit diesem einen Tag.

Mit dem, was damals passiert ist.


Und ja. Vielleicht tue ich das.


Und falls du genau das gerade denkst, dann ist jetzt vermutlich der richtige Zeitpunkt, um diesen Beitrag wieder zu schliessen.


Denn heute möchte ich zurückschauen. Nicht, weil ich in der Vergangenheit hängen geblieben bin. Und auch nicht, weil sich mein Leben nur noch um diese Krankheit dreht.


Aber der 3. Oktober ist für mich ein Tag, der sich so fest in meinen Kopf eingebrannt hat, dass ich wohl nie einfach auf den Kalender schauen und denken werde: Ah ja, heute ist der 3. Oktober. Punkt. Fertig. Schluss. Aus.


Denn vor genau drei Jahren, am 3. Oktober 2023 hat sich mein Leben verändert. Nicht weil ich an diesem Tag die Diagnose Multiple Sklerose erhalten habe. Die kam erst später. Sondern weil ich an diesem Morgen aufgestanden bin und plötzlich nicht mehr richtig sehen konnte. Auf meinem linken Auge war ein Fleck - mitten in meinem Sichtfeld. Ich konnte überhaupt nich einordnen, was das sein sollte. Und was macht man, wenn man plötzlich nicht mehr richtig sieht? Logisch oder - man geht arbeiten. Zumindest machte ich das. Ich weiss noch genau, dass ich sogar einen Arbeitskollegen fragte, ob er so etwas schon einmal gehabt habe. Er erzählte mir etwas von fliegenden Teilchen im Glaskörper - irgendwie beruhigte mich seine Antwort und ich dachte: Das wird schon wieder.


Da es nicht verschwand, sondern die Sicht immer schlechter wurde, telefonierte ich am gleichen Tag doch mit einem Arzt. Er sagte, ich solle sofort vorbeikommen für eine Untersuchung. Schlussendlich wurde ich in den Notfall im Kantonsspital überwiesen.


Bei den ersten Untersuchungen beim Augenarzt im Kantonsspital fiel dann tatsächlich bereits zum ersten Mal der Begriff Multiple Skerose.


Es bestand also ein Verdacht. Ich weiss noch, dass ich danach zu meinem Mami sagte: "Hä? Das kann doch gar nicht sein. Bei uns in der Familie hat das doch niemand."


Für mich war MS zu diesem Zeitpunkt etwas so weit Entferntes, so Unwahrscheinliches, dass ich diesen Gedanken eigentlich genauso schnell wieder zur Seite schob, wie er gekommen war.


Ich hatte zu diesem Zeitpunkt ja gar keine Ahnung. Null.


Also schrieb ich aus dem Notfall meinem damaligen Chef noch eine Mail, dass ich morgen sicherlich wieder am Arbeitsplatz sein werde.


Wenn ich heute daran zurückdenke, weiss ich ehrlich gesagt nicht, ob ich lachen oder den Kopf schütteln soll. Gesundheit war damals irgendwie ein Fremdwort für mich - oder besser gesagt: Sie war so selbstverständlich, dass ich gar nicht darüber nachgedacht habe.


Am nächsten Morgen erwachte ich, stand auf und mein linkes Sichtfeld war weg. Einfach weg. Schwarz. Ich bin auf dem linken Auge erblindet. Einfach so. Aus dem Nichts.


Ich weiss noch genau, wie Panik in mir hochkam. Wie ich im Spital anruf und sie meinten, ich solle am darauffolgenden Tag wiederkommen. Und wisst ihr, was ich danach machte? Ich ging wieder zur Arbeit. Mir ging es hundsmiserabel. Mir war übel, mein Körper war völlig unter Strom und ich glaube, meine Psyche wusste überhaupt nicht, wohin mit all dem. Ich meine, man verliert nicht jeden Tag sein Augenlicht. Ich wurde nach Hause geschickt und ich sagte aber: Ich komme dann wieder.


Wenn ich heute daran denke: Meine Güte, Corina.


Aber ich wollte einfach funktionieren. Egal, was mein Körper mir gerade versuchte zu sagen. Vielleicht musste mein Körper damals so laut werden, damit ich ihm endlich zuhörte.


Es folgten haufenweise Untersuchungen, Kortison und schliesslich ein zweiwöchiger Spitalaufenthalt. Da die Kortisontherapie nicht genügend anschlug, folgte eine Plasmapherese - eine sogenannte Blutwäsche, bei der mein Blut über einen Katheter an meiner Halsvene aus dem Körper geleitet, das Plasma ausgetauscht und das Blut wieder zurückgeführt wurde. Von solch einem Verfahren wusste ich nicht mal, dass es überhaupt existiert. Und plötzlich war ich mittendrin.


Diese zwei Wochen im Spital waren für mich der Horror. Nicht weil ich mich dort medizinisch nicht gut aufgehoben fühlte. Ich wollte einfach nach Hause.


Und irgendwo zwischen diesen zwei Wochen Spitalaufenthalt kam dann auch dieser Moment, den ich wohl genauso wenig vergessen werde wie den 3. Oktober. Mein Mami und eine meiner Schwestern waren gerade zu Besuch, als ein Arzt kam und meinte, wir müssten kurz reden. Wir gingen in ein Nebenzimmer und er erzählte einiges - das meiste könnte ich wohl kaum mehr wiedergeben. Irgendwann sagte er aber: "...das Kind hat jetzt endlich einen Namen. Sie haben Multiple Sklerose."


Ich weiss nicht mehr, was er danach sagte. Ich hörte einfach nichts mehr. Es war, als hätte mir jemand direkt ins Gesicht geschlagen. Mir wurde ganz warm und ich wurde innerlich unruhig. Für mich war in diesem Moment klar: Ich werde im Rollstuhl landen. Punkt. Ich kannte damals genau eine Person mit MS. Und diese Person sass im Rollstuhl. Also war MS für mich automatisch = Rollstuhl. Dass diese Erkrankung so viele verschiedene Gesichter haben kann, wusste ich nicht. Und wie die MS dafür verantwortlich sein sollte, dass ich auf einem Auge plötzlich nichts mehr sah, verstand ich sowieso nicht.


Da sass ich nun.


Der Arzt wollte mir meine MRI Bilder zeigen. Er wollte mir Dinge erklären, aber ich wollte nichts davon wissen.


Keine Bilder.

Keine Infoblätter.

Keine Informationen.


Ich wollte einfach nur raus aus diesem Raum. Ich kam einfach nicht klar damit.




Irgendwann durfte ich nach Hause. Endlich.


Und plötzlich stand ich wieder in unserer Wohnung. Dieselben Räume. Dieselben Katzen. Dasselbe Bett. Dasselbe Zuhause.


Und trotzdem war alles anders.


Die Wohnung hatte sich nicht verändet. Mein Leben aber schon. Und plötzlich musste ich lernen, mich in einem Zuhause zurechzufinden, das genauso aussah wie vorher - obwohl diejenige, die zurückkam, nicht mehr ganz dieselbe war.


Und ich glaube, ich habe lange versucht, möglichst schnell wieder diejenige zu werden, die ich vorher gewesen war.


Heute weiss ich nicht einmal mehr, ob ich das überhaupt möchte. Denn in diesen drei Jahren hat sich einiges verändert - nicht nur mein Körper. Auch ich.


Ich höre mir selbst mehr zu. Ich sage Nein, wenn etwas nicht geht. Ich gebe Menschen und Dingen weniger Platz, wenn ich merke, dass sie mir nicht guttun. Und ich habe gemerkt, wie wenig mich dieses ewige höher weiter schneller eigentlich interessiert.


Dafür sind andere Dinge wichtiger geworden. Menschen, mit denen ich wirklich reden kann. Ein schöner Sommerabend. Ein Sonnenuntergang. Ein ehrliches, herzliches Lachen. Einen Körper, der gerade sagt: Heute brauche ich Ruhe - und die Fähigkeit, darauf zu hören.


Das alles klingt wahrscheinlich banal. Vielleicht ist es das auch. Aber vor drei Jahren war vieles davon für mich nicht selbstverständlich.


Gesundheit traurigerweise aber schon.


Und heute? Heute ist es irgendwie genau umgekehrt.



Mein Augenlicht auf der linken Seite ist nie zurückgekommen. Und nach drei Jahren wird mittlerweile auch aus ärztlicher Sicht gesagt, dass das wohl nie mehr kommen wird.


Aber hey - wer weiss. Vielleicht wache ich eines Morgens auf und es ist alles wieder da. Ich glaube an Wunder und diese winzig kleine Hoffnung lasse ich mir auch nicht nehmen.


Gleichzeitig habe ich gelernt, mit einem Auge zu leben. Ich kann Auto fahren. Ich kann fotografieren. Wandern. Velofahren. Leben.


Natürlich gibt es Dinge, die schwieriger geworden sind. Es gibt Grenzen. Und diese Angst, die manchmal wieder auftaucht. Was, wenn nochmals etwas passiert? Was, wenn beim nächsten Schub mein anderes Auge betroffen ist?


Gerade rund um den 3. Oktober wird diese Angst manchmal wieder etwas lauter. Trotzdem bestimmt sie mein Leben nicht mehr.



Vor Kurzem sass ich am See und schaute einfach in die Ferne. Ich weiss nicht mal mehr, ob ich alleine oder in Gesellschaft war. Es war kein besonderer Tag. Es war nichts spezielles passiert. Und plötzlich war da aber dieses Gefühl. So tief. So ruhig.


Ich sass einfach da und dachte: Ich habe einfach ein riesen Glück. Ich habe ein wunderschönes Leben.


Und vielleicht klingt das nach allem, was ich hier gerade geschrieben habe, ein bisschen seltsam.


Natürlich wäre mein Leben einfacher ohne die MS. Ich hätte mein Augenlicht liebend gerne zurück. Ich würde mir die Angst, die Erschöpfung und die Grenzen nicht einfach so wegen lustig aussuchen.


Aber trotzdem sass ich da. Und war glücklich.

Nicht irgendwann, wenn alles wieder so ist wie früher.

Nicht wenn dieses oder jenes anders wäre.


Einfach jetzt.


Mit diesem Körper. Mit diesem Leben. Mit allem was dazugehört.


Vielleicht ist das eine der grössten Veränderungen dieser letzten drei Jahre. Ich dachte lange, ich müsste mein altes Leben zurückbekommen. Heute weiss ich aber: Das muss ich gar nicht. Denn ein anderes Leben ist nicht automatisch ein schlechteres Leben.


Und vielleicht wird der 3. Oktober immer ein Tag bleiben, der etwas mit mir macht. Ein Tag, der mich daran erinnert, was ich verloren habe.


Aber inzwischen erinnert er mich auch daran, was ich gefunden habe. Mich selbst vielleicht ein bisschen mehr. Und eine ziemlich grosse Liebe für dieses manchmal völlig unspektakuläre Leben.


Denn manchmal sitzt man einfach irgendwo, schaut in die Ferne und merkt plötzlich:


Wie schön, dass ich hier bin.

 
 
 

3 Kommentare


Franziska
04. Okt.

Ä riisägrossä liäbi Umarmig❤️ es isch ä wunderschüünä Text übernä sehr prägendi und iischniidendi Sach. Es het mich sehr berüährt. Au wänn mir üs erscht eimal gseh händ - du bisch sehr ä bemerkenswerti Persuu!💫

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Stephanie
03. Okt.

Eimol meh eifach wunderbar und vum Herz use gschriebe. Eifach bewundernswert wie du din Weg gosch🫶🤍Schöö, dasses DI git🤍🫶

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Jasmin
03. Okt.

Wow, wiedermal sprachlos😶

Danke vielmals, dass du dini Gedanke mit eus so offe und ehrlich teilsch.❤️🙈

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